Rund jeder zehnte Mensch ist linkshändig. Die beste wissenschaftliche Schätzung liegt bei 10,6 Prozent, schwankt je nach Definition aber zwischen etwa 9 und 18 Prozent. Warum die Zahl so unscharf ist und wie man Händigkeit überhaupt zählt, erklärt dieser Beitrag.
Eine genaue Antwort fällt schwerer, als man vermuten würde. Das liegt weniger an fehlendem Interesse der Forschung als an der Frage, wer überhaupt als Linkshänder gilt.
Der Anteil in Zahlen
Lange war der Wert von zehn Prozent reine Faustregel. 2020 legte ein Forschungsteam um Marietta Papadatou-Pastou erstmals eine große Auswertung vor. Es wertete fast 200 Studien mit Daten von rund 2,4 Millionen Menschen aus und kam auf eine beste Gesamtschätzung von 10,6 Prozent Linkshändigkeit. Über die Arbeit berichtete auch die Ruhr-Universität Bochum, an der einer der beteiligten Forscher arbeitet.
Entscheidend ist, wie streng man misst. Nach den engsten Kriterien sind etwa 9,3 Prozent der Menschen eindeutig linkshändig. Zählt man dagegen alle dazu, die nicht klar mit rechts dominieren, also auch die wechselnd händigen Menschen, steigt der Anteil auf gut 18 Prozent. Männer sind mit 11,6 Prozent etwas häufiger betroffen als Frauen mit 9,5 Prozent.
| Zählweise (Papadatou-Pastou 2020, rund 2,4 Mio. Menschen) | Anteil Linkshänder |
|---|---|
| Streng gemessen (nur eindeutig links) | rund 9,3 % |
| Beste Gesamtschätzung | 10,6 % |
| Weit gefasst (inkl. wechselnd Händiger) | bis rund 18,1 % |
| Männer | 11,6 % |
| Frauen | 9,5 % |
Wie viele Linkshänder das konkret bedeutet, hängt von der Gruppengröße ab. In einer Schulklasse mit 25 Kindern sind rein statistisch etwa zwei bis drei Linkshänder zu erwarten. Mit unserem Linkshänder-Rechner können Sie das für jede Gruppengröße direkt ausrechnen.
Warum die Schätzungen so stark schwanken
Der wichtigste Grund ist die Definition. Wer mit links schreibt, nutzt deshalb nicht automatisch auch Schere, Löffel oder Werkzeug links. Manche Menschen sind in einzelnen Tätigkeiten links, in anderen rechts. Je nachdem, welche Tätigkeit eine Studie als Maßstab nimmt, fällt das Ergebnis anders aus. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag über die Hintergründe der Beidhändigkeit.
Hinzu kommt die Geschichte. In Europa wurden Kinder über Generationen auf die rechte Hand umgeschult, in manchen Regionen geschieht das bis heute. Wer als umgeschulter Linkshänder durchs Leben geht, taucht in keiner Statistik als Linkshänder auf. Auch der Alltag prägt mit. Eine Welt voller rechtshändiger Geräte führt dazu, dass Kinder sich unbewusst anpassen, bevor ihre Veranlagung je geprüft wurde.
In einigen Kulturen gilt die linke Hand zudem als unrein, etwa in Teilen Asiens und Afrikas. Linkshändigkeit wird dort eher versteckt als offen gelebt. Statistische Erhebungen verlieren dadurch an Aussagekraft, weil die Betroffenen ihre Händigkeit gar nicht erst angeben.
Ist der Anteil überall auf der Welt gleich?
Soweit die Daten reichen, scheint der Anteil der Linkshänder rund um den Globus ähnlich zu sein. Belastbare Hinweise auf ein Land oder eine Region, in der Linkshänder die Mehrheit stellen, gibt es nicht. Auch die gelegentlich genannten 20 oder 50 Prozent sind nicht belegt. Sie beruhen auf der Annahme, dass viele heimliche Linkshänder unerkannt bleiben, lassen sich mit sauberen Erhebungen aber nicht stützen.
Wie schwierig flächendeckende Erhebungen sind, zeigt der Blick in weniger industrialisierte Länder. Wo Händigkeit nicht früh und systematisch erfasst wird, bleibt nur die Hochrechnung aus kleinen Testgruppen. Solche Werte sind mit Vorsicht zu genießen.
Hat sich der Anteil mit der Zeit verändert?
Ja, allerdings nur in der Statistik, nicht in der Veranlagung. Um das Jahr 1900 lag der erfasste Anteil der Linkshänder im Westen bei nur etwa 3 bis 4 Prozent. Mit dem Rückgang der Umschulung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stieg der gemessene Wert wieder auf das heutige Niveau. Die Menschen sind also nicht linkshändiger geworden, sie dürfen es heute nur eher bleiben. Weitere Zahlen und Kurioses sammelt unser Beitrag mit Fakten über Linkshänder.
Wie wird Händigkeit überhaupt gemessen?
Traditionell dient die Schreibhand als Maßstab. Gerade sie ist aber anfällig, weil sich beim Schreiben besonders viele Kinder anpassen. Wer in der Schule auffällt, gerät leicht unter Druck, und schon greift die unbewusste Anpassung. Aussagekräftiger ist es deshalb, die dominante Hand früh und über mehrere Tätigkeiten zu bestimmen, idealerweise vor dem Schreibenlernen.
Reaktions- und Reflextests gelten heute als verlässlicher. Wer spontan nach einem Gegenstand greift, nutzt meist die wirklich dominante Hand, ohne nachzudenken. In vielen Industriestaaten wird die Händigkeit bei Vorsorgeuntersuchungen im Kleinkindalter beobachtet. Eltern, die ihr Kind beim Schreibenlernen begleiten, sollten die bevorzugte Hand nie umlenken, sondern unterstützen.
Warum gibt es Rechts- und Linkshänder?
Die Ursachen sind bis heute nicht abschließend geklärt. Bekannt ist, dass bei Rechtshändern die linke und bei Linkshändern überwiegend die rechte Gehirnhälfte die Bewegung der Schreibhand steuert. Warum sich eine Seite durchsetzt und warum Rechtshänder weltweit die Mehrheit bilden, bleibt offen. Gene spielen eine Rolle, erklären aber nicht alles, denn selbst eineiige Zwillinge sind nicht immer beide linkshändig. Welche Eigenschaften Linkshändern zugeschrieben werden und was davon haltbar ist, ordnet der Beitrag zu den typischen Eigenschaften von Linkshändern ein.


