Linkshänder gelten als kreativ, eigensinnig und besonders begabt. Vieles davon ist Legende, manches hat einen wahren Kern. Dieser Beitrag trennt die belegten Eigenschaften von den hartnäckigen Mythen, ehrlich und ohne Verklärung.
Rund jeder zehnte Mensch ist linkshändig, wie der Beitrag wie viele Linkshänder es gibt zeigt. Über diese Minderheit kursieren erstaunlich viele Behauptungen. Wer Linkshänder ist oder ein linkshändiges Kind hat, profitiert von einer nüchternen Einordnung mehr als von Schmeichelei.
Der Mythos vom kreativen Linkshänder
Kaum eine Behauptung hält sich so zäh wie die, Linkshänder seien kreativer. Sie stützt sich auf die Idee, die rechte Gehirnhälfte sei der Sitz der Kreativität, und weil Linkshänder ihre rechte Hemisphäre stärker für die Schreibhand nutzen, seien sie auch kreativer. Diese einfache Rechnung gilt in der Hirnforschung als überholt. Kreativität entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Hirnregionen, nicht aus einer einzelnen Hälfte.
Dass viele berühmte Künstler und Musiker Linkshänder waren, ist kein Gegenbeweis, sondern ein Beispiel für Auswahlwahrnehmung. Wir merken uns die linkshändigen Stars und übersehen die ebenso vielen rechtshändigen. Eine Sammlung finden Sie unter den berühmten linkshändigen Gitarristen und Musikern. Beeindruckend ist sie, ein wissenschaftlicher Beleg für mehr Talent ist sie nicht.
Sind Linkshänder intelligenter?
Auch hier lautet die ehrliche Antwort nein, jedenfalls nicht im Durchschnitt. Interessant ist ein anderes Muster. Einige Untersuchungen finden Linkshänder etwas häufiger an beiden Rändern der Begabungsskala, also unter Hochbegabten ebenso wie unter Kindern mit Lernschwierigkeiten. Der Effekt ist klein, nicht in allen Studien zu sehen und sagt über den einzelnen Menschen nichts aus. Aus einer Linkshändigkeit lässt sich weder besondere Begabung noch eine Schwäche ableiten.
Was über das Gehirn von Linkshändern bekannt ist
Sicher ist, dass die Steuerung der dominanten Hand bei Linkshändern überwiegend in der rechten Gehirnhälfte liegt, also gespiegelt zum Rechtshänder. Viele weitergehende Behauptungen über eine besonders starke Vernetzung beider Hälften oder eine grundlegend andere Wahrnehmung sind dagegen schlecht belegt und teils widersprüchlich. Seriös ist die Aussage, dass Händigkeit ein Ausdruck der Lateralisation des Gehirns ist, also der Aufgabenteilung zwischen den Hälften. Welche Eigenschaften daraus folgen, lässt die Forschung weitgehend offen.
Wo Linkshänder einen echten Vorteil haben
Am besten belegt ist ein Vorteil im Sport, genauer in schnellen Sportarten, bei denen sich zwei Gegner direkt gegenüberstehen. Eine 2017 in der Fachzeitschrift Biology Letters veröffentlichte Auswertung von Florian Loffing zeigte, dass Linkshänder in der Weltspitze schneller Ballsportarten wie Tischtennis, Baseball oder Cricket deutlich überrepräsentiert sind. In Zweikampfsportarten wie dem Fechten zeigt sich ein ähnliches Bild. Dort stellen Linkshänder an der Spitze rund 30 Prozent, obwohl sie in der Bevölkerung nur etwa ein Zehntel ausmachen.
Der Grund ist nicht mehr Talent, sondern Seltenheit. Weil die meisten Gegner gegen Rechtshänder trainieren, ist ihnen die gespiegelte Spielweise eines Linkshänders ungewohnt. Bei Sportarten ohne direkten Schlagabtausch wie Golf, Schwimmen oder Darts verschwindet dieser Vorteil. Der Effekt ist also ein Überraschungseffekt, kein angeborenes Können.
Der Nachteil im Alltag ist real
Den deutlichsten Unterschied spüren Linkshänder dort, wo Gegenstände einseitig konstruiert sind. Eine herkömmliche Schere schneidet für die linke Hand unsauber, die Computermaus liegt oft schlecht, und auch Dosenöffner, Sparschäler oder Korkenzieher sind für rechts gedacht. Das ist kein Charakterzug, sondern schlicht eine Welt, die für die Mehrheit gebaut wurde. Wo die Asymmetrie wirklich stört, lohnt sich ein linksgeeignetes Modell, in vielen anderen Fällen nicht. Diese ehrliche Unterscheidung nehmen wir in den Produktratgebern konsequent vor.
Der hartnäckigste Mythos: die kürzere Lebenserwartung
Immer wieder liest man, Linkshänder stürben früher. Diese Behauptung geht auf eine Studie des Psychologen Stanley Coren aus dem Jahr 1991 zurück, die einen Unterschied von mehreren Jahren errechnete. Der Denkfehler ist gut verstanden. Coren übersah, dass unter den älteren Verstorbenen kaum Linkshänder zu finden waren, weil diese Generation in ihrer Jugend noch auf rechts umgeschult worden war. Sie tauchten in den Daten als Rechtshänder auf. Große repräsentative Erhebungen finden keinen Hinweis auf eine kürzere Lebenserwartung. Der Mythos darf als widerlegt gelten.
Fazit
Linkshänder sind weder klügere noch kreativere Menschen, und sie leben auch nicht kürzer. Was bleibt, ist ein gut belegter Vorteil in schnellen Zweikampfsportarten und der nüchterne Befund, dass viele Gegenstände nicht für sie gemacht sind. Wer mehr über die Übergänge zwischen Links-, Rechts- und Beidhändigkeit wissen möchte, findet sie im Beitrag über die Hintergründe der Beidhändigkeit.


